Die schäbige Seite der Modelindustrie

  • Conde Nast hat ein Vendor Code of Conduct Announcement verfasst, in dem es u. a. heißt, dass alle Models in Fashion Shoots mindestens 18 Jahre alt sein müssen. Man wird also in der Zukunft z. B. kein 16jähriges Model mehr in der Vogue finden: http://www.condenast.com/press/statement-from-conde-nast/ Und natürlich wurde auch was zu u. a. Nacktbildern vereinbart.


    Und noch etwas zum Missbrauch. Mario Testino und Bruce Weber haben männliche Models belästigt/ sexuell genötigt: http://www.faz.net/aktuell/sti…o-und-weber-15398390.html. Anna Wintour friert die Zusammenarbeit mit beiden ein: https://de.nachrichten.yahoo.c…it-testino-141845253.html. Im Artikel wird auch noch einmal die neuen Richtlinien des Conde Nast erwähnt.


    Der Kodex ist im Kern ja identisch mit den Selbstverpflichtungserklärungen von Kering und LVHM vom letzten September (siehe Charta-PDF) und geht im Inhalt weitestgehend auf das französische Gesetz zurück, das im Dezember 2016 beschlossen war und und gültig wurde mit der Veröffentlichung im Amtsblatt Anfang Mai 2017 (auf den kleinen feinen Unterschied gehen manche Presseartikel mit dem Titel "Magermodels trotz Verbot" speziell zu den Coutureshows im Januar 2017 zurück). LVHM und Kering sind dann mit ihrer Charta öffentlichkeitswirksam genau zum Start der Big4 in New York in die Öffentlickeit gegangen. (Mach es im Sommer vorher, und der Image-Effekt verpufft ^^)


    Auch Condé Nast betreibt jetzt in erster Linie Imagearbeit. Man kann auch sehen, dass da zum Teil eine Problemverschiebung genutzt wird: das Problem der Übergriffigkeit betrifft ja auch erwachsene Frauen, die aktuelle Debatte sogar hauptsächlich Erwachsene, und sie war ursprünglich eine Geschlechterfrage. Aber ich sehe überhaupt keinen Grund, die beschlossenen Regelungen aus diesem Grund heraus anzugreifen. Ich halte sie für gut und nötig.


    Wer 16Jährige aus dem Jugendschutz ausnehmen will, der sollte eine Kampagne für die Volljährigkeit ab 16 starten. Die Modebranche hat erheblich dazu beigetragen, bestehende Jugendschutzregelungen auszuhebeln. Wer 16jährige Tittchen sehen will soll sagen, dass er oder sie 16jährige Tittchen sehen will, weil das zum eigenen Begriff von Freiheit und Schönheit gehört. Für viele aber - mich eingeschlossen - gehört diese "Schönheits"-Kultur zu einer Kultur der Übergriffigkeit. Und solange Mädel im heranwachsenden Alter allein schon mit dem Verdacht leben müssen "so ist es in der Welt: ich muss vieles an Sexismus und Entwürdigung dulden, wenn ich eine Chance haben will", solange sind solche Zwangsbestimmungen, die dem Druck sichtbar entgegen wirken, für mich nur zu begrüßen.


    Dann müssen die Kaia Gerber-Fans jetzt mal ne kleine Sendepause hinnehmen. Es gibt wahrlich Schlimmeres.



    Edit:
    Upps, musste nach unten gewanderte Schreibversuchs-Reste noch rausnehmen ...

  • Danke für den tollen Artikel.

    "You can do whatever you dream of. You just need to be determined and not be scared to go all the way. Get up, get out, motivate yourself and be inspired. What are you waiting for?" (Rianne van Rompaey)

  • Ich hab eben einen interessanten Fashion Week-Bericht der Newcomerin Jess Cole gelesen und poste den Link mal hier. Es ist ein allgemeiner Bericht über Einsteiger-Erfahrungen, aber "die schäbige Seite des business" und die gegenwärtigen Veränderungen ziehen sich als roter Faden durch. Für Jess schon deswegen DAS Thema, weil sie als 23jähriges "mixed-race"-model die Veränderungen "in terms of diversity and model welfare" als Grund dafür sieht, überhaupt ihre Chance bekommen zu haben.


    Jess hat in New York relativ gute Jobs gehabt, Tom Ford als Start und anschließend Sies Marjan und Derek Lam und hat dort eigene Umkleidebereiche für sie und ihre dresser erlebt - während andre Models ihr von Umsetzungen erzählten nach Art von "Bereiche wo keine Fotografen erlaubt sind". Was ich mir sowohl von der mentalen Einstellung mancher labels als auch von den organisatorischen Voraussetzungen (und Kosten) ganz gut vorstellen kann.


    Interessant auch, dass ihre Agentur IMG den Models eine "nutritional session with a chef" und eine Diskussionsveranstaltung mit Casting Director Ashley Brokaw zur Einführung geboten hat. Wichtig war für sie auch, dass "diversity" nicht nur den medial wirksamen Runwaycast betrifft, sondern auch backstage im Stylisten und Dresserteam stattfindet. Überhaupt sind es durchweg solche Details, die einem in der Vorstellung über den Job immer etwas fehlen. Wann gehst du ins Bett? Wo und wie findest du Ruhe? Und wie genau stellt sich der Stress von 9am bis in den frühen Abend dar? "9am"? Ja, so schreibt sie.


    Quote

    Most days would begin around 9am and finish in the early evening,
    depending on how many castings I had that day, which could range from
    one to five.


    Erstaunlich gell? Wir gewöhnen uns immer daran, Horrorstories von 5 Uhr früh für etwas ganz Normales und Akzeptables in dem Beruf zu halten.


    Der Bericht ist vom 20.Februar. Das war der letzte Tag der Londoner Fashion Week. Dort hatte sie mit Ports 1961 und Fashion East zwei weitere gute Jobs. Und später Koché und Kenzo Memorial in Paris. Aber offenbar nichts in Mailand. Warum nur kommt mir das so glaubhaft vor?

  • Vielen Dank dir :) Italien scheint sich wirklich hartnäckig zu weigern. Habe gerade die fürchterlichen VI Cover von Willy Vanderperre gesehen. In der Coverstory sind Rhianne, Doutzen, Mica und Sora, rat mal welche von den vieren als einzige kein Cover bekam (Hint: die Niederländerinnen sind es nicht ^^"). Dort übernimmt aber auch ein CD die Besetzung quasi aller guter Shows, oder hab ich das falsch im Kopf? Ich erinnere mich, dass Sora letzte Saison dort die beste Läuferin war, weil sie den einen MOC Spot eben bekam, ihre koreanischen Kolleginnen, die in anderen Städten sehr gut gebucht sind (Hyun Ji und Ho Yeon z.B.) aber höchstens einen Job hatten. (Sorry, da ich hauptsächlich denen folge, fällt es mir auf, kann aber auch nicht wirklich von anderen Models reden ^^")


    Meinst du, die recht angenehmen Arbeitstage hängen damit zusammen, dass IMG sie nicht verheizt ( 1 bis 5 Castings am Tag klingt ja vergleichsweise exklusiv ) oder glaubst du, dass sich die Arbeitsbedingungen wirklich langsam verbessert haben? Ich hab jezt erst mal nur deine Zusammenfassung gelesen, les aber dann noch den eigentlichen Bericht.

  • Na ja, ich hab 4 oder 5 Castings am Tag immer für ein Maximalprogramm gehalten und glaube, dass anderslautende Nachrichten auf Missverständnissen beruhen. Du wirst in Jessicas Text auch über folgende Stelle stolpern ;)


    Quote

    The casting days during NYFW can be tedious; quite often you will be in long queues with dozens of other models for hours.


    Wenn du solche Warteschlangen mal mitgemacht hast, wirst du das Klagen über die Anstrengungen des Castings wohl auch schon bei 2 oder 3 Anläufen pro Tag verstehen können. In Sachen Warteschlangen-Verkürzung ist den Labels und Casting-Direktoren auch wenig abzufordern, solange es offene Castings gibt. Ohne die aber würde schon was fehlen. Bei Castings on Request bist du von den Angaben und der Bildqualität der Show-Packages anhängig und wirst da öfter mal Enttäuschungen erleben, während dir umgekehrt manche Entdeckung entgeht, weil du nach Bild zu schnell abwinkst. Fotogenität und persönliche Ausstrahlung decken sich ja selten, also gehen viele mit der Hoffnung in offene Castings, als Person zu überzeugen und den richtigen Draht zum Caster zu finden.


    ***


    Edit:
    Und ja: Mailand soll das Revier der Großwildjäger sein, wo Del Moro & Co. die Claims abgesteckt haben.

  • Nein, es ist sicherlich sehr anstrengend und langwierig, deckt sich dann aber nicht mit Tyra Banks' viel erzähltem "damals in Paris bin ich auf 20 Castings am Tag gewesen". Wenn bis zu 5 Castings am Tag die Norm würden, brächte das auch entsprechend Abwechslung in die Shows und hat den Vorteil, dass die Models trotz elend langer Wartzeiten einen relativ normalen Arbeitstag hätten von 9-6 oder so.

  • Ja, wenn die Großeltern erzählen, sitzen wir Gören manchmal mit großen Augen da und kriegen nichts auf die Reihe :)


    Ich sehe da wirklich ein Angeber-Syndrom, eine Neigung zum loose talk, der sich um Nachvollziehbarkeit einen Kericht schert. Ich hab's ja nicht gesehen (und wollte spontan "meine Heidi" dagegen loben, bin dann aber doch was ins Grübeln gekommen, lach) und frag mich beim Hören aber, welchen Sinn solche "Infos" wohl haben sollen?


    Und wenn sowas wirklich zum business gehört, warum die junge hoffnungsvolle Brut nicht mal richtig in den Ofen schubsen und ihnen mal für einen Tag ein randvolles Programm in Auftrag geben? Was würde da wohl rauskommen? Wieviel Termine könnten sich für Anfängerinnen als machbar erweisen?


    Meistens sind solche Angeber-Stories ja dazu da, Dinge zu beschönigen, die einem leicht traumatisch auf der Seele liegen. Imgrund heißt es oft: "dieses business ist würdelos und man kann nichts dagegen machen". Aber juchhu! Wenn de es als eine von 1000 überlebst, kannst du abscheulich teure Kleider tragen!!!

  • Maja hat für diesen Fotografen lt. Story auch geshootet, weshalb ich mir seine Arbeiten angesehen habe. Und das hier gefunden habe (leider!).


    Ich finde die Fotos ungeheuerlich. Vermutlich ging es dem Fotografen um die Aufreger-Aufmerksamkeit. Nach dem Motto: Sex sells funktioniert nicht mehr so wie früher (diese Schwemme - gähn!) - was mache ich dann, um herauszustechen? Das hier? Unfassbar.


    http://efigousi.tumblr.com/
    (Ich kann die Fotos nicht direkt verlinken - auf der Fotografen-Seite linke Spalte Reihen 10, 11 u. 12 - Model mit verbundenen Augen und blutig geschlagenem Kopf etc)