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  • »hexe reloaded« ist weiblich

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Montag, 17. September 2018, 19:40

2016 gab es bei Google Arts&Culture eine Geschichte der London Fashion Week mit sehr schönen Bildern und Videos von vielen Anfängen: der Fashion Week selbst und John Gallianos Durchbruch 1984, Naomi und Kate Moss Ende der 1980er, Alexander McQueen und Chalayan 1993 und 94, dem Exodus nach Paris ab 2000 und und.

Wirklich tolles Material. Bin da gerade über ein noch in Arbeit befindliches Posting gestoßen, aber das lohnt mal eine Extra-Empfehlung!

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^_^ (17.09.2018)

  • »hexe reloaded« ist weiblich

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Montag, 17. September 2018, 23:01

Jetzt mach ich doch noch ein Posting dazu, die Sache ist es ja allemal wert, und ich hab gerade gemerkt, wie dumm das von mir, den Artikel von Maya Singer mit einem "yes, endlich" freundlich zu verbuchen - und dann die Detaile aber gar nicht näher zu beachten. Da sind aber erfreulicherweise eine Menge sehr interessanter und wichtiger Dinge übers Fashion Business, und es lohnt sich schon, da genauer hinzusehen.

Die Sache ist: die Vogue-Kampagne zur Etablierung eines 18+-Standardalters für Models.
Ausgeführt und begründet in einem Artikel von Maya Singer vom 16.August (abgedruckt in der diesjährigen September Issue)
Why the Fashion World Needs to Commit to an 18+-Modeling Standard



1 Die wunderbare Geschichte der Instagram-Entdeckungen

Gleich zu Beginn ein Volltreffer für mich: Mädchen werden auf Instagram "entdeckt". Ist es nicht ein Traum? Für Cara Taylor könnte man wohl sagen: ja. Dahinter aber stehen Hunderte und Tausende, für die es eher ein Alptraum an Benutzwerden wird. Wie in der Story von Pasha Harulia, die mit Paris geködert wird und später mit anderen in China im Van zu E-Commerce-Shootings gekarrt wird, um 100 Shoots am Tag zu machen.

Man wird sie auf EBay finden. Ihr habt sie vermutlich auch schon gesehen. In den Kundenportalen betreffen die häufigsten Kritiken hier: den Fischgeruch der Kleider und die Super-Kleinfaltung von Kunstleder- und anderen Teilen. Das ist, weil die Kritiken so rasch geschrieben werden: 3 Wochen später käme noch die lächerliche Haltbarkeit dazu. Dass Kleinfaltung und geringe Haltbarkeit auch ein Bild für die beschäftigten Models geben, kommt einem noch weniger in den Sinn.

Der Mädchen-Traum, sich sehen lassen zu können und die Lust, sich zu zeigen, werden mit den Neuen Medien zum Einfallstor eines neuen Mädchenhandels. Und die Fashion Industrie macht den Köder dafür.


2. Der Run auf die "New Faces"
"How did we get here? How did the fashion industry become so reliant on the labor of teenagers?" Wie kommt das business dazu, aus der Jagd nach der ewigen Jugend eine Jagd auf Kinder zu machen? Im Deutschen klingt's ja weniger dramatisch, weil der Begriff der "Jugendlichen" die Grenze eher unsichtbar macht, die da überschritten wird: das Wort legt ein wenig nahe, genau die Minderjährigen als Verkörperung der Jugend zu sehen. Aber dennoch erklärt das ja gar nichts, wie eine Industrie dazu kommt, auch tatsächlich Minderjährige zu beschäftigen - und dabei nicht bloß unbeanstandet zu bleiben, sondern gar noch bewundert zu werden wird und an Attraktivität zu gewinnen.

Richtigerweise legt Maya Singer den Finger zuerst auf sich selbst. "Vogue (...) has played a role in making it routine for children—since that’s what they are—to be dressed and marketed as glamorous adults".

Zum Beispiel mit dem Brooke Shields-Cover vom Februar 1980. Das war zwar tatsächlich wohl ein Ausnahmefall. (2011 präsentierte die Vogue eine Galerie von Cover-"Girls" unter 21 , und da war Brooke alleine unter 18; das Wort vom Cover"girl" war auch nicht im Titel, sondern "nur" Teil des Web-Titles.) Aber es geht kein Weg darum herum, dass die Vogue damit einen Markstein gesetzt hatte. "Since then, models in their mid-teens have appeared in many of our fashion editorials. No more: It’s not right for us, it’s not right for our readers, and it’s not right for the young models competing to appear in these pages. While we can’t rewrite the past, we can commit to a better future."

Der Rest wird als eine Art Tsunami erklärt:


3 Fashion Shows als Massenveranstaltungen
"It's a numbers game". Während das business auf der Bühne und in Magazinen gerne noch mit dem Glamour der Supermodels für sich wirbt, hat es backstage und im Casting längst ein neues Zeitalter betreten. Das Outsourcing des Castingprozesses wird dabei von Maya Singer nichtmal benannt, das scheint schon eine Art zweite Natur im Geschäft. Auch dass man 40,50 Models pro Show bucht und nicht mit weniger auskommt, wird an sich gar nicht beleuchtet; auch da bricht eine Art Flutwelle über die Akteure, "leaving less opportunity for designers to spend time with each talent". Aber krass zugespitzt der Blick aufs Fitting: früher konnte es Stunden dauern; heute werden die Models passend zu den Kleidern gecastet.

Die Zahl der Labels nimmt zu und die Zahl der Shows, die auf Fashion Weeks vorgeführt werden. Zur Zeit der Supermodels Anfang der 1990er werden die Fashion Weeks selber erst groß. 1993 gesellt sich die New York Fashion Week zu den schon bestehenden Formaten in Paris, London und (ich glaube auch) Mailand; das explodiert dann förmlich ab der Jahrtausendwende; gefördert vom neuen Kulturphänomen Internet kommt schließlich kaum eine "Weltstadt" mehr ohne Fashion Week aus. Und wer will nicht Weltstadt sein? Mit der Masse der Veranstaltungen werden die einzelnen Shows dichter und kürzer und die Outfits mehr und mehr im Schnellverfahren gezeigt. (Wer Shows aus den 1990er sehen will, muss meist das Doppellte bis Vierfache an Zeit einplanen - und die Zahl der Outfits war geringer.)

Der Kollaps der Warschauer Pakt Staaten bringt westhungrige Mädel aus Osteuropa auf den Markt, Globalisierungskultur und Internet verstärken den Zuzug aus Südamerika und Afrika ... Und dazu wie gesehen die Mädchenjagd über Facebook, Instagram & Co. Das Angebot an willigen und billigen jungen Mädchen wird riesig.

Gegen den Druck kommt kaum ein Label an. Maya Singer zitiert noch Chloé-Designerin Ramsay-Levi mit der Einsicht, dass du als Designer vielleicht mal einzelne Kleider auf andere Körper-Proportionen hin entwerfen kannst, aber nicht unter dem Zwang, pro Saison an die 50 vorstellen zu müssen. So kommt also die Diversity-Frage mit den "Plus-Size"-Formaten als Verstärkung zum Änderungsdruck. Was dann allerdings auch Teil des Lösungswegs wird.


4 Das Regulierungsproblem
Die Problemsicht hat den Vorteil, das außer Vogue selbst sich niemand schuldig fühlen muss. Natürlich reagierte die Condé-Nast-Initiative aber auf Druck von unten. #MeToo ist ein entscheidender Auslöser. Da steht Sexismus und die Frauenfeindlichkeit des Womanwear-Business am Pranger. Die Formung von minderjährigen Mädchen als Style-Vorbilder ist ja nicht nur etwas, das aufgedeckt werden muss, sondern vor allem auch etwas, das frei und frank ZU SEHEN ist. Es werden Kinder als Stilikonen präsentiert und bewundert! Wer da alles mitgemacht hat - und jetzt sind alle Opfer eines soziologischen Prozesses. Natürlich: die Zeit. Welcher Trendsurfer stellt sich schon gegen die Zeit?

Ein anderer Vorteil ist, dass Maya Singer jetzt auf großen Fischzug für Bündnispartner gehen kann. Dieser (längere) Teil des Artikels hat mich auch jetzt nicht gerade gefesselt. Zum Teil sehe ich schon die Täter von gestern als neue Prediger unterwegs. Aber ok. Es ist natürlich gut, wenn viele sich einbringen können.

Und die US-Vogue bringt Gewicht mit. Das ist ja wohl erfordert. Wenn an der Diagnose "Flutwelle der Zeit" etwas ist, dann ist die Welle ja damit nicht gestoppt. Werden wir künftig weniger Shows mit 50+ Outfits haben? Mehr Zeit fürs einzelne und mehr Aufmerksamkeit für die Persönlichkeit, die den Style präsentiert?

Das beste Argument für die 18+Idee waren aus meiner Sicht bisher die reaktivierten Models, die wie Julia Nobis schon das Ende ihrer Laufstegkarriere vollzogen hatten. Es ist ja wohl klar, dass da in so gut wie jedem Fall auch der Unwille oder die Unmöglichkeit mitspielte, sich dem Druck auf Körperformen weiter zu unterwerfen, die auf junge Mädchen zugeschnitten sind. Und eigentlich sogar noch auf Knaben.

Eine gute, stilvolle Präsentation von Kleidern ist mir allemal mehr Wert als ein "Newface". Aber gut möglich, dass ich das in 2 Jahren etwas anders sehe, wenn "Newface" kein Deckwort mehr ist für die Ausbeutung von Minderjährigen.

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vanessafan (17.09.2018), ^_^ (17.09.2018)

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