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Sonntag, 8. Juli 2018, 22:58

Ein Jahr danach gehen das Leben und die BFW weiter. Aber wie?

Spiegel Online berichtet, als wär's wie immer:

Zitat

Die erste Juliwoche ist Fashion Week in der Hauptstadt. Bei rund
200 Modenschauen zeigten Designer und Labels ihre Ideen für 2019.

Hammer immer so gehabt und wird auch weiter so sein. Einschließlich der Presse-Schönjubeleien. Warum auch nicht? Man tut keinem Weh mit einem nett geschriebnen Artikel, der die Schauen von Marc Cain, Marina Hoermanseder, Ivanman, Hugo und Lutz Huelle jeweils mit ein paar Showbilder besichtigt. Dazu noch ein Blick auf die Vorstellungen des Berliner Salons, mit Outfits von William Fan und Odeeh. Und : "Mit dabei waren (...) bekannte Namen wie Guido Maria Kretschmer ("Shopping Queen"), Lena Hoschek oder Irene Luft und Marken wie Riani, Sportalm Kitzbühel (standesgemäß vorgeführt mit Schuhplattler-Einlage auf dem Laufsteg) und Maison Common." Das kann sich so schon hören und sehen lassen. Und Michael Michalsky ist sogar noch außen vor.

Wenn das mit den Schuhplattlern nicht wäre. Und muss man Namen, die bekannt sind, "bekannte Namen" nennen? Dann die rasante Verkürzung von "rund 200 Modenschauen" auf "16 Labels": "Nach einem abgespeckten Programm im Januar nutzten diesmal 16 Labels den kostenpflichtigen Auftritt im E-Werk, dem neuen Veranstaltungsort." Da haben wohl mehrere Autoren geschrieben? "Abgespeckt" klingt ja für Fashion Weeks auch immer durchaus angemessen, aber ähem, ist da nicht vielleicht doch eine klitzekleine Andeutung von Armut im Programm?

Das ewerk war schon im Januar der Veranstaltungsort, und die Schauen-Kalender zur Fashion Week waren mit Konferenzen, Diskussionen, Empfängen und andren Sonderevents so aufgepäppelt, dass es schon Arbeit kostet, zu einer nachvollziehbaren Zahl von Modenschauen zu kommen. Der Kalender des FCG (Fashion Council Germany) listet 15 "MBFW Shows" auf, die alle im ewerk stattfanden. Dazu kommen mit Anja Gockel, dem Greenshowroom, Marcel Ostertag, Dawid Tomaszewski, Hugo, William Fan, Lutz Huelle und Michalsky acht weitere Runway-Shows, eine Handvoll Präsentationen (zu denen Laurèl als bekannsteste Marke gehört) und einiges anderes (wie eine "Installation" von Wunderkind und etwas von Malaikaraiss, das mit "online only" bezeichnet wird). Die Gemeinschaftsschau des Greenshowroom fand auch im ewerk statt: so kommt Spiegel Online wohl auf 16.

Nur zwei davon gehören zu den sechs, die sie im Artikel näher besichtigt haben. Und alle 16 sind am Donnerstag abend mit der Schau von Isabel Vollrath gelaufen. Danach gibt es noch Hugo draußen in Weißensee und den Freitag mit den Veranstaltungen des Berliner Salons, mit Lutz Huelle im Berghain und Michalsky im Tempodrom. Da die Pariser Couture-Schauen Mittwoch abend beendet waren, konnte Hugo mit größerer internationaler Model-Prominenz aufwarten. Und der Fashion Council hat noch einen besondren Coup gelandet: während die alte BFW noch die Berliner Bürgermeister umwarb (was mit Partykönig Wowereit allerdings fiel besser gefiel als mit dem medial drögen Müller), pflegt man jetzt Kontakte zur Berlin-Mitte-Regierung und präsentiert im Schauenkalender für den Schlusstag auch einen "Empfang im Bundeskanzleramt" (für den Fall, dass das jemand nicht finden kann, ist als Adresse noch Willy-Brandt-Straße 1 zugefügt). Die Kanzlerin hat sich Zeit genommen. Es gibt Gruppenfotos mit Merkel im Kreis von Modeschöpfern und Modeförderern; und als spezielle Messaage noch Bilder mit Merkel neben Lutz Huelle.

Das, was man im letzten Sommer ahnen konnte und mehrheitlich erhofft hat, ist da sichtbar eingetreten: der Fashion Council hat die Regie fürs Schau-Fenster der Berliner Fashion Week übernommen. Die Mode-Messen laufen weiter. (Zur Übersicht den FCG-Kalender nach unten scrollen; mehr an Infos gibt die Senats-Website fashion-week-berlin.com auf der Unterseite zu den Messen - nebenbei mal: Carolin Sünderhauf ist wieder das Werbegesicht der Fashion Week, das Bild, das dort auf der Startseite eingeblendet wird, war auch zur Werbung in Tageszeitungen genutzt.) Sie bringen die Masse der zusätzlichen Besucher nach Berlin und bilden nach wie vor das eigentliche Rückgrat der BFW. Aber das Schaufenster muss jemand anders gestalten. Die internationale Eventmanagement-Agentur IMG hatte das bisher sehr Berlin-fern und oft recht unglücklich betrieben. Nach dem im letzten Sommer vollzogenen Rückzug von Mercedes Benz als Geldgeber hat IMG seine Rechte am Event wohl still abgegeben. Verlauten hören hab ich darüber jedensfalls nichts, aber aus dem Auftreten des FCG ist ablesbar, wem der Berliner Senat die Regie hier übertragen hat.

Das Programm selber zeigt die Handschrift des Council: nicht nur mit der Präsentation des "offiziellen Kalenders" und dem überdeutlichen Council-Day als Schlusstag, sondern auch im Profil der Schauen selbst: die Berliner Fashion Week ist mehr als je zuvor ein Ort für deutsche Designer und Labels. Wie in anderen großen Modemetropolen zählen auch ansässige Designer zum Modestandort, die aus anderen Ländern, Polen, Bulgarien oder Asien stammen; und Österreich ist besonders prominent vertreten. Aber der Anspruch ist aufgegeben, dass Berlin als Schaufenster etwa für osteuropäische Modemärkte fungieren könnte, und es gibt ein sichtbares Bemühen um die deutsche Mode-Prominenz. Vogue-Chefin Christiane Arp war schon im letzten Jahr gelungen, Jason Wu zu einer Boss-Präsentation in Kreuzberg zu bewegen. Und dieses Mal ist Boss mit seiner Hugo-Linie wieder ein Teil der Fashion Week. Das ist dann etwas, was auch im Ausland verstärkt wahrgenommen wird und schafft damit neues Renomée.

Dazu hat man Kretschmer gewonnen, die Fashion Week zu eröffnen, und sie mit dem in Paris lebenden und dort regelmäßig Schauen zeigenden Lutz Huelle geschlossen. Keine neue Kollektion in diesem Fall, sondern ein Potpourri aus früheren - aber für die Fashion-Szene selbst ein wichtiges Signal: einer aus Deutschland, der sich in der Welt-Modemetropole Paris behauptet hat. (Darum darf er auch ins Bild neben die Kanzlerin; und die Remscheid-Spötterin Sally darf sich vielleicht wundern zu hören, wo der kleine Lutz aufgewachsen ist.)

Der andere, noch spätere Fashion-Week-Schließer Michalsky wird jetzt auch wieder Im Schauen-Kalender genannt. Das war bisher meistens nicht der Fall, weil Michalsky sich selber außen vor hält. Diese Schau gehört eher zum alten Zirkus und dürfte auch mit seiner starken GNTM-Finanzierung und ästhetischen Disko-Neigung nicht der größte Stolz des FCG sein. Der Fashion Council liebt den "Salon". Als Regisseure für die MBFW-Schauen als Ganzes aber bauen sie ein, was das Ganze wahrnehmbarer macht.

Nur die breite Öffentlichkeit nicht. Zum Angebot der meisten Fashion Week-Organisatoren gehört schon auch, die Schauen mit Fotogalerien und Videos zu dokumentieren und öffentlich zu zeigen, was gezeigt wurde. Wie zum Beispiel Mercedes Benz Fashion Week Australia mit den Resort-19-Kollektionen jetzt im Mai. Das Geheimnis dieses Service wird ganz unten klein gedruckt gelüftet: das ist ein Service von IGM Worldwide. Die sind eben in Berlin raus und der neue Regisseur reagiert auf die modernen Kommunikationsmedien eher ängstlich und abwehrend. Der Fashion Council ist auf Seiten der kreativen Designer - und die stehen alle unter dem Druck der Konkurrenz, die das Online-Geschäft mit der Mode beherrscht. Und man reagiert irgendwie als wäre das, was den "Gegner" stark macht, an sich schon mode-feindlich.

Andrerseits findet gezielte (und scheinbar gute) Förderung auf den traditionellem Ebenen des Fashion-Business statt. Das zeigen sie auch gerne vor, und so steht für den Samstag im "offiziellen Kalender" der Fashion Week sogar noch ein Event, das eine Kooperation von KaDeWe und der deutschen Vogue darstellt: bei "Vote for Fashion" können die Kaufhaus-Besucher 3 Wochen darüber abstimmen, welcher Designer künftig dauerhaft im KaDeWe-Angebot zu finden sein soll. Die Vogue schreibt dazu :

Zitat

Statt die Mode der Salon-Designer zum Verkauf
anzubieten, gibt es ab sofort im zweiten Stock des KaDeWe, im Womens
Designer Apartment, eine Ausstellung der aktuellen Kollektionen der
Designer, zugänglich natürlich für alle Interessierten. Zudem wartet
dort eine besondere Aktion: Unter dem Titel "Vote for Fashion" können
Kunden via iPads, die zwischen den ausgestellten Entwürfen an den Wänden
hängen, abstimmen, welche Marke es künftig im Berliner Luxuskaufhaus zu
kaufen geben soll.Mit
der Aktion übertragen das KaDeWe und der Berliner Mode Salon quasi die
Prinzipien und Mechanismen von Social Media auf den stationären Verkauf –
das, was die meisten Menschen überzeugt, hat dementsprechend auch den
meisten Erfolg.

Na? Seh ich euch jetzt spontane Berlin-Besuche einplanen? Ehrlich, ich zweifle. Diese Art Knöpfchendrück-Abstimmung als Social-Media-Application verkaufen zu wollen, das spricht schon Bände! Aber gut, ich werd hingehen und drücken. Und für die Gewinner ist es natürlich eine gute Sache. Neben Vogue und KaDeWe ja vielleicht auch für die meistgewählten Designer...

Liegt die Zukunft der BFW also im Salon? Und wir Onlinies schauen eher vergeblich in die Röhre oder wuseln uns durchs Gettyimage-Fotogewimmel? Wer auf die Seite des Eigners geht, kriegt andere Antworten.

Dort ist das logo der Berlin Fashion Week programmatisch von jetzt zwei anderen begeltet, dem langjährigen Schwerpunkt "Sustainable Fashion" und einem neuen namens "Fashion & Technology". Das ist dem Senat und dem zuständigen Wirtschaftsressort so wichtig, dass man beim Klick auf "Kalender" erstmal noch eine extra "News"-Einblendung zur "Zukunftskonferenz #Fashiontech" erhält. Dass du auch ja drüber stolperst, oller Kleiderfan!

Der Witz ist nämlich, dass deine Klamotten künftig voller News sein werden. An Abenden wie diesem heute sagt mein Mini mir künftig "Hexe, du wirst gleich frieren!" und stört damit meinen Ohrring, mir den neuesten Tratsch über die Tussi in Blau davorn ins Ohr zu flüstern. Erst hast du deine Schuhe mit einem ärgerlichen "ich weiß es!" angeschnauzt, da kritteln die Sensoren aus dem Top an deiner Haltung rum. "So kriegste Rückenschmerzen!" Und natürlich muss dein Slip dir gerade jetzt mitteilen, dass der Typ neben der Tussi unverschämt gut aussieht ...

Der Markt der Wearables wird riesig! Und wir können dabei sein! Berlin ganz vorne! Man reibt sich die Augen: während Mode nach Ansicht der Hauptverantortlichen für die Fashion Week bisher nur zum Aufpolieren des Hauptstadtglamours da war und zum Anlocken weiterer Berlin-Besucher, wird "Modewirtschaft" plötzlich als Zukunftsthema gesehen! Schlag nach unter www.projektzukunft.berlin.de/themen/modewirtschaft/ !!

Wieviel da modisch bei rauskommt, lassen wir mal offen, und ebenso: ob es Modelabels fördern wird. Der erste Großverdiener dürfte sein, wer den Zug am energischsten auf die Schiene bringt. Und das ist die Telekom. Sie organisiert für den kommenden Februar die Zukunftskonferenz "Touching Innovations 2019 ".

Aber erstmal darf man sich damit sicher sein, dass die Fashion Week Berlin vorläufig nicht als Auslaufmodel gesehen wird. Im Gegenteil: Wer weiß, was man da noch prima bündeln kann?



***

Edit:
Dass die Schauen noch als "MBFW"-Schauen laufen, gehört schon auch zum Verdienst des Fashion Council: sie haben Mercedes Benz im Spiel gehalten und präsentieren den Konzern als "offiziellen Partner". Ob der damit mehr macht als er im letzten Sommer schon angkündigt hat, nämlich bei der Nachwuchsförderung aktiv zu bleiben, das darf man noch bezweifeln. Aber in Berlin werden alle Geldgeber von Politikern mit weichen Knien gern "starke Partner" genannt. Solange die im Boot sind, bleiben alle "impressed". MB ist weiter im Boot. Faktisch nur mit der Förderung der Bottner-Schau. Symbolisch aber mit dem Namen. Und das ist wichtig.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »hexe reloaded« (8. Juli 2018, 23:16)


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Montag, 9. Juli 2018, 06:44

Vielen Dank für deinen ausführlichen Beitrag, Ich bin morgen und übermorgen ohnehin in Berlin, vielleicht schaff ich es, mir die Ausstellungen im KaDeWe mal anzusehen.

^_^

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Montag, 9. Juli 2018, 06:59

Ich bilde mir ein, ich hätte am Rande mitbekommen, dass zumindest einzelne Shows auch mit Public Viewing außerhalb ergänzt werden sollten. Da ich aber im Moment den Fuß gebrochen habe und etwas immobil bin, habe ich das nicht näher verfolgt.

Wie lange läuft die Sache im KaDeWe eigentlich?

Nymeria

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Montag, 9. Juli 2018, 07:11

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^_^ (09.07.2018)

^_^

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Montag, 9. Juli 2018, 07:15

Ok, bis dahin sollte ich es hoffentlich geschafft haben.

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Montag, 9. Juli 2018, 16:28

Ich bilde mir ein, ich hätte am Rande mitbekommen, dass zumindest einzelne Shows auch mit Public Viewing außerhalb ergänzt werden sollten.

Ja, es gab vor dem ewerk einen Großbildschirm, auf dem die Schauen live verfolgt werden konnten. Das ist dann auch als Livestream ins Netz gestellt worden. Aber im Unterschied zu früher konnte man selbst das nicht im Laufe des Tages versetzt gucken, sondern wenn du den Moment live verpasst hast, war es nicht mehr nachzuholen.

Technisch wäre es auch nicht allzu schwer, Aufzeichnungen als separate Videos ins Netz zu stellen. Und da dieses Prinzip aus meines Wissens allen Fashion Weeks der Welt vertraut ist, muss man wohl sagen: da kümmert sich niemand, weil daran kein Interesse ist.

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